Schätze aus dem Luftfahrtarchiv Bellinger

Treppenhaus-Ausstellung zu Otto Bellinger und seiner Sammlung

Gezeigt wurden einige besonders seltene Dokumente aus den frühen Jahren des Motor- und Segelflugs sowie einige grundlegende Veröffentlichungen zur Raumfahrt aus den 1920/30er Jahren.

Segelflug
Ein Schwerpunkt des Luftfahrtarchivs Bellinger liegt auf der Geschichte des Segelflugs, denn Otto Bellinger war selbst Segelflieger und – ab 1929 – Segelfluglehrer gewesen. Seit 1921 hatte er fast immer die Rhön-Segelflugwettbewerbe auf der Wasserkuppe besucht, zunächst als Zuschauer, später auch als Teilnehmer.

Otto Bellinger
Otto Bellinger
(1908 Alsfeld – 2006 Heilbronn).
Foto: Stadtarchiv Heilbronn, Ulrike Zinke

Fotos und Ansichtskarten, die er vom Rhön-Segelflugwettbewerb 1921 mitgebracht hatte, zeigen u.a. die Flugapparate von Arthur Martens von der Akaflieg Hannover, Karl Koller vom Bayerischen Aero-Club und Wolfgang Klemperer von der Akaflieg Aachen.

Otto Bellinger mit zwei<br>seiner Flugschüler
Otto Bellinger mit zwei
seiner Flugschüler

Der Rhön-Segelflugwettbewerb von 1922 wird durch die berühmte „Charlotte“ vertreten. Das einsitzige schwanzlose Segelflugzeug war von der Akaflieg (= Akademische Fliegergruppe) Berlin-Charlottenburg entwickelt worden.
Vom Rhön-Segelflugwettbewerb 1924 liegt die „Liste der teilnehmenden Flugzeuge“ aus. Danach waren 78 Segelflugzeuge gemeldet, 31 davon waren mit einem Hilfsmotor ausgerüstet. Sieger in den Kategorien Zielflug, Dauerflug und Höhenflug war der (mit einem Hilfsmotor ausgerüstete) Sport-Einsitzer „Kolibri“ der Udet-Werke München, die 1926 in den Bayerischen Flugzeugwerken (BFW) Augsburg aufgingen.

Otto Klemperer startet zum Streckenflug, 1921
Otto Klemperer (Aachen)
startet 1921 zu einem
Streckenflug

Auf dem Rhön-Segelflugwettbewerb 1928 hat der damals 20-jährige Otto Bellinger selbst Fotos aufgenommen. Sie zeigen u.a. die Flugzeuge bzw. Leistungsflüge der Segelfliegerstars Ferdinand Schulz, Robert Kronfeld und Wolf Hirth (in seinen Flugzeugen „Lore“ und „Württemberg“). Mit dabei ist auch eine Aufnahme des Doppelsitzers „Mannheim“ mit den jungen Julius Hartry über dem Fliegerdenkmal auf der Wasserkuppe.

Otto Bellinger auf der Wasserkuppe in einem Prüfling
Otto Bellinger auf der Wasserkuppe in einem "Prüfling"

Auch auf dem Rhön-Segelflugwettbewerb von 1931 war Robert Kronfeld anwesend, von dem Otto Bellinger einen Schnappschuss aufgenommen hat. Der Rhön-Segelflugwettbewerb ein Jahr später wurde von dem tödlichen Absturz von Günther Groenhoff überschattet. Das ausgestellte Foto wurde einen Tag vor dem Unglück aufgenommen und zeigt den Piloten mit seinem von Alexander Lippisch konstruierten Flugzeug Fafnir.

Start auf der Wasserkuppe
Start auf der Wasserkuppe

Motorflug

Unter den Exponaten befinden sich Firmenkataloge der Albatros Flugzeugwerke (für die auch – im Jahr 1914 – der aus Heilbronn stammende Hellmuth Hirth geflogen war), von Focke-Wulf und Junkers. Deren Verkehrsflugzeuge aus dem Jahr 1925 konnten jeweils vier Fluggäste befördern.

Für die Internationale Luftfahrtausstellung ILA 1928 in Berlin haben etliche Flugzeugfirmen spezielles Werbematerial hergestellt, z.B. Heinkel (Doppeldecker HD-22) und die Bayerischen Flugzeugwerke (BFW). Und auch die Espenlaub Flugzeugbau Düsseldorf stellte auf der ILA 1928 ein Motorflugzeug vor.

Gottlob und Hans Espenlaub mit einem ihrer Motorflugzeuge, 1927
Gottlob und Hans Espenlaub mit einem ihrer Motorflugzeuge, 1927

Die Deutsche Luft Hansa war ebenfalls auf der ILA 1928 in Berlin vertreten und warb mit den Vorzügen des Luftverkehrs. Einem Luftverkehrsprospekt aus dem Jahr 1932 zufolge flogen damals für die Deutsche Luft Hansa Flugzeuge der Firmen Focke-Wulf, Junkers, Dornier, BFW-Messerschmitt und Rohrbach. Seit Juli 1932 wurde die Junkers G 38 – das größte Landflugzeug zu Beginn der 1930er Jahre mit 34 Passagiersitzen– auf der Strecke Berlin–Amsterdam–London eingesetzt. Bereits seit Mai 1932 flog auch die Ju 52/3m (die „Tante Ju“) für die Luft Hansa.

Programmheft zur nationalen Flugwoche auf dem 1909 gegründeten ersten deutschen Motorflugplatz
Programmheft zur nationalen Flugwoche auf dem 1909 gegründeten ersten deutschen Motorflugplatz

Carl Pirath, der Leiter des Verkehrswissenschaftlichen Instituts für Luftfahrt an der TH Stuttgart, veröffentlichte 1936 Vorschläge und Berechnungen zum „Nachtluftverkehr“ und die im Nachtflugverkehr einzusetzenden „Schlafflugzeuge“. Ein „Schlafflugzeug“, die Fokker F XXXVI war bereits gebaut – es blieb allerdings bei diesem einen Exemplar, das seit 1935 für die niederländische KLM und 1939/1940 für die Scottish Aviation flog.

Flugzeuge der Bayerischen Flugzeugwerke AG Augsburg aus dem Jahr 1928
Flugzeuge der Bayerischen Flugzeugwerke AG Augsburg aus dem Jahr 1928

Weltraumfahrt

Von den Klassikern der Raumfahrt-Literatur, die im Luftfahrtarchiv Bellinger vorhanden sind, zeigt die Ausstellung u.a. das Grundlagenwerk von Walter Hohmann „Die Erreichbarkeit der Himmelskörper“ von 1925. Drei Jahre später erschienen Max Valiers „Raketen-Fahrt“, Willy Leys „Die Möglichkeit der Weltraumfahrt“ und Hermann Oberths Dissertation „Die Rakete zu den Planetenräumen“, die allerdings von der Universität Heidelberg nicht angenommen wurde, da es keine Professoren zur Beurteilung der Arbeit gab. Ebenfalls 1928 veröffentlichte Otto Willi Gail sein Buch „Mit Raketenkraft ins Weltall“, das unter dem Eindruck der weltweit ersten erfolgreichen Fahrt eines „Raketenautos“ im April 1928 auf der Opelbahn in Rüsselsheim steht.

Max Valiers Weltraum-Utopie erschien erstmals 1927
Max Valiers Weltraum-Utopie erschien erstmals 1927

„Die Rakete für Fahrt und Flug“ von Alexander Borissowitsch Scherschevsky erschien 1929. „L’Astronautique“ (1930) gilt als das Hauptwerk des französischen Luftfahrt- und Raketenpioniers Robert Esnault-Pelterie. Der Ingenieur Rudolf Nebel, der seit 1930 als Raketenforscher tätig war, gibt in seinem „Raketenflug“ einen Überblick über den Entwicklungsstand des Jahres 1932. Ein Jahr später kam das Grundlagenwerk „Raketenflugtechnik“ des Wiener Ingenieurs Eugen Sänger heraus. Werner Brügel veröffentlichte im selben Jahr die Selbstporträts der wichtigsten „Männer der Rakete“, zu denen auch der russische Raketenpionier Konstantin E. Ziolkowsky gehörte.

Titelblatt einer 1928 erschienenen Publikation über die Möglichkeit der Weltraumfahrt
Titelblatt einer 1928 erschienenen Publikation über die Möglichkeit der Weltraumfahrt

Der weltweit erste Start einer Flüssigkeitsrakete gelang 1926 dem Amerikaner Robert Goddard, den die Zeitschrift „Weltraum“ in ihrer Ausgabe vom Dezember 1939 würdigt.
Der „Weltraum“ hatte die Nachfolge der berühmten „Rakete“ angetreten, der weltweit ersten Fachzeitschrift für Raketentechnik und Raumfahrt. Sie erschien ab 1928 und wurde von Johannes Winkler herausgegeben. Alle drei Jahrgänge sind im Luftfahrtarchiv Bellinger vorhanden. In einer der ersten Nummern wird z.B. an Hermann Ganswindt erinnert und zur finanziellen Unterstützung des verarmt in Berlin lebenden 72-Jährigen aufgerufen. Ganswindt hatte um 1880 Konzepte für ein Weltraumfahrzeug nach dem Rückstoßprinzip entwickelt und einen Hubschrauber konstruiert, der 1901 in Berlin-Schöneberg erfolgreich flog. Es gilt damit als das weltweit erste Motorflugzeug.

Johannes Winkler mit seiner Höhenrakete HW 2
Johannes Winkler mit seiner Höhenrakete HW 2
Abbildung aus: Männer der Rakete. In Selbstdarstellungen. Herausgeber: Werner Brügel, 1933