Transkription

Quelle 1: Werbeprospekt für Auswanderer 1850
Quelle 2: Auswandererbrief 1835

Aus einem Werbeprospekt für Auswanderer von 1850, unterzeichnet mit „Heilbronn, C. Kober, Generalagent“ (Stadtarchiv Heilbronn E 002-137)

Die Hoffnung Concessionirte deutsche Bureaux für Auswanderung nach Amerika von J. M. Bielefeld in Mannheim, Rotterdam, Havre.
Regelmäßige Fahrt auf Paquetbooten und gekupferten Dreimastern erster Klasse von Rotterdam und Havre nach New York und New Orleans

Ich erlaube mir, Ihnen anbei den gewünschten Prospectus über meine Beförderungen von Reisenden nach Amerika zu geben und Sie zu bitten, falls Ihnen, wie ich nicht zweifle, die Bedingungen entsprechen, Ihren Vertrag recht bald mit mir oder meinen unterzeichneten Agenten abzuschließen.
Sollten Sie die Reise dahin oder zu mir nicht unternehmen wollen, so genügt die Einsendung eines genauen Verzeichnisses über Vor- und Zunamen, Alter, Stand und Wohnort jeder einzelnen Person, der Angabe der Zeit, wann, über welchen Hafen und wohin Sie zu reisen gedenken und eines Draufgeldes von fl. 10 pro Kopf, worauf Sie den Accord mit Quittung über das bezahlte Draufgeld sofort erhalten.
[…]
Es liegt in Ihrer Wahl, ob Sie über Rotterdam direct nach New York, über Rotterdam und Havre per Dampfboot, oder über Cöln, Paris und Havre per Eisenbahn, über Straßburg, Paris und Havre mit Diligence und Eisenbahn reisen wollen.
[…]
Die Reisenden werden durch meine eigenen Conducteure von hier über Rotterdam nach Havre begleitet, die sie überall und namentlich auf den Haltstationen vor den so häufigen Prellereien in den Wirthshäusern zu schützen und mit Rath und That zu unterstützen haben.
[…]
Meine Reisenden werden auf allen Abfahrtsstationen und im Seehafen durch Deutsche empfangen und befördert und erhalten Sie bei Accord-Abschluß ein Verzeichnis von Wirthshäusern, die Ihnen bezüglich ihrer Billigkeit und Reinlichkeit empfohlen werden können.
Sollte der zu ihrer Aufnahme bestimmte Dreimaster nicht am festgesetzten Tage abgehen, so erhalten Sie vom Tage an freie Beherbergung und Verköstigung und haben nicht nöthig, wie bei andern Gesellschaften weitere 3 Tage oder wenn schlechtes Wetter und Wind es gebieten, noch längere Zeit für Ihre eigene Rechnung zu leben, oder wenn Sie auch die Entschädigung erhalten, jeden Tag Geld zulegen zu müssen.
Die nächsten Abfahrten sind:
Nach New York in Mannheim, Mainz etc. am 10. und 29. November;
in Havre am 20. November und 8. Dezember.
nach New Orleans in Mannheim, Mainz etc. am 10. und 19. November;
in Havre am 20. und 28. November.
Die Preise über Rotterdam und Havre sind gegenwärtig ab Mannheim:
nach New York für eine Person über 10 Jahren fl. 55; für eine Person von 1 - 10 Jahren fl. 45.
nach New Orleans für eine Person über 10 Jahren fl. 50; für eine Person von 1 - 10 Jahren fl. 40. Kinder unter 1 Jahre sind frei.
[…]
In obigen Preisen ist das Armen-, Spital- und Kopfgeld in Amerika inbegriffen und wird von mir bezahlt.
[…]
Der vorgeschriebene Seeproviant besteht für die Person über 6 Jahren
nach New York in: 40 Pfund Zwieback, 5 Pfund Mehl, 5 Pfund Reis, 2 Litres Essig, 14 Pfund Schinken, 4 Pfund Butter, 2 Pfund Salz, 140 Pfund Kartoffeln oder 20 Pfund Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen, Linsen), Preis: fl 17,
nach New Orleans 40 Pfund Zwieback, 5 Pfund Mehl, 5 Pfund Reis, 2 Litres Essig, 14 Pfund Schinken, 4 Pfund Butter, 2 Pfund Salz, 210 Pfund Kartoffeln oder 30 Pfund Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen, Linsen), Preis: fl 20. Für Kinder von 1 - 6 Jahren die Hälfte.
[…]
Zum Schlusse warne ich Sie vor zuweilen, besonders auf dem Lande, an den Eisenbahn-Höfen und den Abfahrtsplätzen der Dampfboote sich herumtreibenden Maklern, die sich fälschlich theils für Agenten obrigkeitlich genehmigter Gesellschaften, theils aber auch für ganz Unbetheiligte, blos im Interesse des Auswanderers handelnd, auszugeben pflegen, um die Leute, deren Vertrauen sie zu erschleichen wissen, zu Winkelagenten zu führen, wo sie dann für ihr gutes Geld Überfahrtsverträge ohne die geringste Bürgschaft erhalten und sehr häufig betrogen sind, die Auswanderer thun daher am Besten, wenn sie ihre Effekten bei Ankunft auf dem Bahnhofe in sichere Verwahrung geben, und ohne sich von den dort wartenden Mäklern führen zu lassen, allein auf mein Bureau zu kommen, das ihm von Jedermann gezeigt werden kann, da die Bezahlung des Führers dem Auswanderer zur Last fällt.
Die Effekten lasse ich dann unentgeldlich an der Bahn abholen. Die Reisenden haben sich einen Tag vor der Abfahrt in den Vormittagsstunden, mit ihren Effekten auf dem an der Abfahrtsstation befindlichen Bureau der Hoffnung einzufinden.
[…]

Anmerkungen: fl. = Gulden; Conducteur = hier: Reisebegleiter, Diligence = Kutsche; Accord = Vertrag; Effekten = Wertsachen, hier: Gepäck; Armen-, Spital- und Kopfgeld = Versicherung, die bei Krankheit für kurze Zeit finanziell einspringt.


Auswandererbrief des Heinrich Demler an seine Eltern nach Lauffen am Neckar aus dem Jahr 1835 – Bericht über die Reise von Le Havre nach New York (Stadtarchiv Heilbronn E 001-83)

Washington, 9. Jan. 1835

Geliebte Eltern und Geschwister
[…]
Gott gebe, mein Brief träfe euch alle im bestem Wohlsein an. Unsere Kräfte und Gesundheit haben durch die erschütternde Reise nichts gelitten.
[…]
Beym ersten guten Wind kamen bey 50 Schiffe an. Wir akkordierten dahier um 55 Franc für Überfahrt, für Kost zahlten wir 36 Franc.
Sontag, 25. May reißten wir ab, beym besten Wind auf einem großen amerikanischen Dreymaster, n.[amens] Manchester unter Capitain Swift, die Equipage bestand aus 2 Offizieren, 18 Matrosen, 3 Neger, die Reisenden waren 18 in der Cajute (diese zahlten jeder 500 Francs), 230 in unserem Schiffsraum, meistens Rheinländer. Der Wind war außerordentlich stark. In Zeit von drei Stunden hatten wir alles Land aus dem Gesicht verloren. Knorpp und ich mit noch einigen jungen Leuten halfen den Matrosen, die Segel spannen und ziehen. Aber bald fanden wir uns unfähig dazu, denn es kam uns ein solcher Schwindel und Unbehaglichkeit an, daß wir durcheinanderschoßen wie die Narren. Wir stiegen in den Raum hinunter. Nichts Abscheulicheres kann man wohl sehen, als hier die Einpackung von Wesen, die eine unsterbliche Seele haben sollen, und wieder die auf alle mögliche Weise betrogen worden, das alles ist toller als Sklavenhandel. In der Länge des Schiffsraums an beyden Seiten sind die Pritschen angebracht, 2 übereinander, meist so niedrig, daß man nicht aufrecht sitzen kann. In einem Bett sind 4 - 5 - 6 Menschen, die Küsten und Lebensmittel stehen in der Mitte aufeinander. Uns hatte kein Mensch aufmerksam gemacht und niemand war gefaßt auf den Sturm am ersten Tag. Meine Sachen waren wohl angebunden, aber die Küsten anderer waren drüber hergefallen, alles durcheinander. Die armen Leute stekten in dem finstern Loche und hatten die Seekrankheit im höchsten Grade, gänzliche Gedächtnisschwäche, Schwindel, Erbrechen, 10 mal in einer Stunde.
Beym Aufräumen fanden wir in unserer Küste 5 Bouteillen Brandwein zerbrochen. Es blieben uns noch 7 übrig, […]
Ich sprach französisch und deutsch, der Doctor französisch und englisch. Wir mußten deswegen immer die Dollmetscher machen. Kapitän und Matrosen usw. sprachen blos englisch. Kochen mußten wir uns selbst, wo es bey der Küche jeden Tag zwischen den Weibern Streit gab, welche sich nach und nach erholt hatten. Die Reise gieng übrigens glüklich von statten. Das Wetter wechselte häufig. Sturm, Regen, Nebel, Windstille, schön Wetter folgte nacheinander. 11 Tage im eins [am Stück] hatten wir keine Sonne gesehen gleich im Anfang. 7 Stürme hatten wir durchzumachen. Der wüthendste war in einer Nacht, nachdem das Meer am Abend vorher aufs Herrlichste beleuchtet war, wie wenn alle Gestirne sich auf seiner Oberfläche niedergelassen hätten. Unser Kapitän sprach mit denen von 5 anderen Schiffen, die wir nach und nach begegneten. Schwalben, Enten und wilde Sturmvögel folgten uns auf der ganzen Reise. Ganze Herden Fische, groß wie ein Schwein, umringten uns bey schönem Wetter. Wallfische sahen wir in der Ferne. Sehr kalt war es immer, unsere Führer befürchteten auf Eißberge zu stoßen. Endlich 1. Juli sahen wir Land um 6 Uhr. Abends lagen wir schon auf 3 Meilen von Newyork vor Anker. Der Arzt fand alle im besten Zustand. 4 Kinder waren auf dem Waßer geboren und gesund ans Land bracht worden. 3. Juli wurden wir ausgeschifft. O, das ist gewiss ein wonnevoller Augenblik, nach so vielen trüben Stunden wieder festen und grünen Boden zu betreten. Schlaflose Nächte hatten wir genug, wir junge, arbeitsfähige Mannschaft waren oft bis auf die Haut durchnäßt.
Newyork ist die größte und gewerbsamste Stadt in Nordamerika. Die französischen Schiffe fahren fast all dahin und ich rathe jedem meiner Landsleute, nicht nach Holland oder Bremen, sondern nach Havre de grace zu reißen, es ist für sie bequemer und wohlfeiler, nur müßen sie sehr vor den Spitzbuben Maklern auf ihrer Hut seyn.
[…]
Ich grüße Eltern und Geschwister und Freunde, bittend um baldige Antwort verbleibe ich, euer aufrichtiger Freund und Sohn Heinrich Demler, Flaschner