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Der Ablauf der sogenannten "Reichskristallnacht"
7. November 1938: Der 17-jährige Jude Herschel Seibel Grynszpan schießt in Paris auf den dortigen Legationssekretär [= Beamter in der deutschen Botschaft] Ernst vom Rath in dessen Amtszimmer in der deutschen Botschaft. Die Pariser Polizei nimmt den Attentäter sofort fest, vom Rath wird in kritischem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert. Grynszpan nennt als Grund für seine Tat die am 29.10.1938 in Hannover erfolgte Abschiebung seiner Eltern in den deutsch-polnischen Grenzort Zbasyn.
Der Rundfunk verbreitet am Nachmittag die Attentatsmeldung. Daraufhin kommt es in Kassel zu einer antijüdischen Kundgebung, an der sich Hunderte von Menschen beteiligen. Randalierer dringen in die Synagoge ein, richten Verwüstungen an und legen Brände, welche die Feuerwehr jedoch sofort löscht. Danach beschädigt die Menge jüdische Geschäfte und das Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde.
8. November 1938: Die Zeitungen berichten reichsweit über das Attentat und bezeichnen Grynszpan als Mörder, obwohl vom Rath noch lebt, und kündigen an: „Dieses Verbrechen kann für die Juden in Deutschland […] nicht ohne Folgen bleiben.“ Daraufhin kommt es zu weiteren Ausschreitungen in Kurhessen [= Der Name geht zurück auf das Kurfürstentum Hessen, gehörte seit 1866 zu Preußen].
9. November 1938: Das Heilbronner Tagblatt schreibt: „Als Antwort auf die Provokation von Paris, die feige jüdische Mordtat, ist es in Kurhessen zu erheblichen spontanen Demonstrationen der Bevölkerung gegen die Juden gekommen.“ Zu diesem Zeitpunkt ist vom Rath noch am Leben.
Propagandaminister Goebbels nimmt in einer aufputschenden Rede auf den um 16.30 Uhr eingetretenen Tod des Diplomaten vom Rath und die seitherigen Ausschreitungen Bezug und teilt mit, dass die Partei zwar keine Ausschreitungen und Demonstrationen gegen Juden organisieren, solchen – falls sie spontan entstünden – aber auch nicht entgegenwirken würde. Die Zuhörer verstehen genau, was gemeint ist: Es handelt sich um eine Aufforderung zu einem Judenpogrom [= Unter einem Pogrom versteht man eine gewaltsame Massenausschreitung gegen Mitglieder einer religiösen, nationalen, ethnischen oder andersartigen Minderheit einer Nationalität oder Bevölkerung, verbunden mit Plünderung und Misshandlungen bis hin zu Mord und Völkermord] nach kurhessischem Vorbild.
Nach Beendigung der Goebbels-Rede gegen 23.00 Uhr übermitteln die anwesenden Gauleiter ihren um diese Zeit noch erreichbaren Mitarbeitern der Dienststellen den Befehl zur „spontanen“ Entfaltung des deutschen Volkszorns gegen die Juden.
Insgesamt werden in der sogenannten „Reichskristallnacht“ 883 Synagogen und 191 jüdische Gebetsräume ganz oder teilweise zerstört.
10. November 1938: Goebbels fordert die Bevölkerung auf, „von allen weiteren Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum, gleichgültig welcher Art, sofort abzusehen.“
12. November 1938: Hermann Göring erlegt den Juden deutscher Staatsangehörigkeit in ihrer Gesamtheit die Kontribution von 1 Milliarde Reichsmark auf und verpflichtet sie, alle in den Tagen zuvor entstandenen Schäden auf eigene Kosten zu beseitigen. |